Aufwärts stolpern

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Der Podcast für die Kirchgemeinde mit Ambitionen

11-09: «Stefan Schweyer, wie feiern Freikirchen Gottesdienst?»

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Stefan Schweyer braucht nicht lange, um auf den Punkt zu kommen, wenn es um seine Erkenntnisse aus der jahrelangen Beschäftigung mit dem freikirchlichen Gottesdienst geht. Drei Merkmale zeichneten den Gottesdienst aus, erklärt der Professor für Praktische Theologie an der Staatsunabhängingen Theologischen Hochschule (STH) im Podcast «Aufwärts stolpern»: Menschen reden sehr expressiv über ihren Glauben, der Gottesdienst ist sehr eng verbunden mit der sozialen Gemeinschaftserfahrung und die charismatische Worship-Musik spielt eine überragende Rolle.

Die freikirchliche Art, Gottesdienst zu feiern, entstand in Abgrenzung zu den Landeskirchen. Gottesdienste sollten nicht so formal sein wie in einem katholischen und – in gemässigter Form – auch in einem reformierten Gottesdienst, es sollte lebendig zu und her gehen, nicht in vorgefertigten Formulierungen, sondern spontan formuliert. Auch die Rituale sollten eher dem alltäglichen Familienleben entsprechen und nicht einer religiösen Gegenwelt entsprechen.

Expressiver Glaubensausdruck

Wieso es denn so wichtig sei, dass sich Menschen im freikirchlichen Gottesdienst so ausführlich über ihren persönlichen Glauben äussern, will Podcast-Co-Host Lukas Huber wissen. Die Menschen in einer freikirchlichen Gemeinde teilten oft vor allem den Glauben miteinander, nicht die Nachbarschaft, darum werde das betont, was die Leute verbindet. Es werde auch von den Menschen, die im Gottesdienst reden, erwartet, dass sie sich nicht als professionelle Christen äussern, sondern als Amateure – also aus Liebhaber zur Sache.

Darin sieht Stefan Schweyer eine soziologische Logik: Wer sich vom gesellschaftlichen Mainstream abhebt, ist stärker darauf angewiesen, sich gegenseitig sozial zu bestärken.

Freikirchen seien aus nicht-pfarramtlichen Strukturen heraus entstanden, sprich aus Laienbewegungen; das zeige sich noch heute in der freikirchlichen Gottesdienstkultur. Das habe auch zur Konsequenz, dass in einem gewöhnlichen freikirchlichen Gottesdienst mehr Worte gebraucht werden als in Landeskirchen, deren Profis gewöhnlich eine präzise und verdichtete Sprache verwenden. Schweyer vergleicht es mit dem Unterschied zwischen Poesie und Prosa: Poetische Texte verdichten Inhalte, aber im Alltag drücke man seine Wertschätzung einer anderen Person – einem Ehepartner etwa – in Prosa aus, nicht in einem Gedicht.

Worship-Liturgie

Auch Freikirchen kennen verdichtete Sprache: in den Liedern. «Das gemeinsame Singen ist zentral, weil man da eine gemeinsame liturgische Handlung erlebt.» Im Unterschied zu Predigten oder Erlebnisberichten tritt hier die Gemeinschaft als handelnde Person auf – «wenn die Musik nicht zu laut ist». Dass die Musik den Gesang übertönt, könne man allerdings nicht nur in Gottesdiensten mit einer Band erleben, sondern auch mit der Orgel.

Das Thema verdichtete Sprache ist für Stefan Schweyer auch der Grund, warum Worshiplieder viele Textbausteine verwenden, die weit weg sind von Alltagssprache: Lamm, Blut oder König. «Das sind hoch aufgeladene Symbole aus der Bibel, die zugegebenermassen manchmal etwas zufällig aneinandergereiht werden.»

Lukas Huber will wissen, was der Gottesdienst-Forscher davon hält, dass in Freikirchen ein «altes» Lied zehn Jahre alt, in einem reformierten Gottesdienst aber 400 Jahre alt ist. «Ich beurteile ein Lied nicht nach dem Entstehungsalter, sondern ob es vom Neuen singt: von Jesus, von der Erlösung und der neuen Schöpfung», sagt Schweyer. Wenn die «neuen» Lieder aus früheren Zeiten in Vergessenheit geraten in einer Gemeinde, hält er das für eine Verarmung des Liedguts. «Gleichzeitig ist es eine Verarmung, wenn man irgendwann eine Grenze zieht und sagt: Von jetzt an brauchen wir nichts Neues mehr.» Aus diesem Grund plädiert Schweyer für das, was im amerikanischen Kontext «blended worship» heisst: «Man lernt aus dem Schatz der ökumenischen Breite für die eigene Gestaltung des Gottesdienstes.» Es gehe um eine Erweiterungslogik: neben Paul-Gerhard-Lieder treten Taizé-Gesänge oder neue Anbetungslieder.

Fabrikhalle statt gotische Kirche

Dass in Freikirchen das Gemeinschaftliche eine wichtige Rolle spielt, sieht man schon an den Räumlichkeiten, sagt Schweyer: «Es sind keine gotischen Kathedralen, die den Blick nach oben lenken, sondern eher Fabrikhallen mit Bistros und Begegnungszonen.» Vieles sei darauf ausgelegt, dass man sich trifft. Das habe seinen theologischen Gehalt: In der christlichen Gemeinde treffen sich Menschen, die durch Christus zusammengebracht wurden und sich sonst nicht kennen würden.

Podcast-Co-Host Anna Näf will vom Professor für Praktische Theologie wissen, wie es für ihn sei, dass er in seiner Gemeinde gewöhnliches Mitglied ohne Anstellung ist. Das sei manchmal tatsächlich ein Problem – ein Problem, das wohl jeder ausgebildete Fachmann kennt. Er habe aber zwei Tricks gelernt. Der erste: «Ich setze mich in einem Gottesdienst nicht an einen Ort, von dem man aus beobachten kann, sondern mitten in die Leute, auch wenn das manchmal Überwindung kostet.» Der zweite Trick: «Bei den Liedern singe so laut ich kann.» Was das Thema Feedback angeht, haben sich Stefan Schweyer und seine Frau Lea – ebenfalls Theologin – entschieden, dann eine Rückmeldung zu geben, wenn sie darum gebeten werden.

Trotzdem werden in seiner Gemeinde an manchen Stellen Dinge anders gemacht im Gottesdienst, als er es halten würde. «Das ist dann eine Übung in Mich-selber-Einordnen. Ich sage ja immer, dass es im Gottesdienst nicht um mich geht.»

Aus Landeskirchlern Freikirchler zu machen funktioniert nicht mehr

Stefan Schweyer hat das Buch «Gemeinde mit Mission» mitgeschrieben. Die am schnellsten wachsende Gruppe in der Schweiz sei jene der säkularen: Menschen, die ohne kirchliche Bindung und ohne biblisches Grundwissen aufwachsen. Das stelle auch Freikirchen vor grosse Herausforderungen. «Bisher konnten Freikirchen davon ausgehen, dass die meisten Menschen Landeskirchler ohne grosse Überzeugung sind.» Das Ziel war, aus nicht überzeugten Landeskirchlern überzeugte Freikirchler zu machen. «Heute merken wir, dass wir dankbar sein müssen für alle, die wenigstens auf dem Papier Christen sind und deren Weltbild nicht komplett abgeschlossen ist gegenüber der Transzendenz.»

In der säkularen Welt ist der Weg zum Glauben länger. Im reformierten Kontext hält Schweyer einen tauforientierten Gemeindeaufbau für ein sinnvolles Konzept – wenn es gelingt, nicht das religiöse Bedürfnis der Familie nach der Taufe des Kinds aufzunehmen, sondern auch mit ihnen einen Weg der Vertiefung zu gehen. Allerdings könnten sich Landeskirchen nicht mehr darauf verlassen, dass Erwachsene bei ihnen anklopfen, sobald sie Kinder bekommen. «Da stehen Landes- und Freikirchen Hand in Hand nebeneinander in der Frage, wie wir Menschen erreichen können, die das Leben so gestalten, wie wenn es Gott nicht gäbe.»

Ein wichtiges Stichwort auf diesem Weg ist Gastfreundschaft. «Da wird es ja schnell schillernd: Wer ist Gastgeber, wer ist Gast?» Schweyer führt als Beispiel für ein einladendes Angebot den Alphalive-Glaubenskurs an: «Diesen bieten reformierte Gemeinden an, katholische, orthodoxe und auch Freikirchen.» Dieser gemeinsame Weg nehme das Anliegen auf, das in der alten Kirche zum Katechumenat geführt hat: «in heutiger Sprache die Datingzeit, bevor man sich dann für die Ehe entscheidet».

Gefragt, was die Landeskirche von seiner gründlichen Beschäftigung mit dem Gottesdienst lernen kann, antwortet Schweyer mit einer Beobachtung: Im Liturgischen seien Freikirchen und reformierte Kirchen nicht weit voneinander entfernt. «In einer reformierten Kirche spürt man die Persönlichkeit und die persönliche Überzeugung der Pfarrperson viel stärker als das in der römisch-katholischen oder anglikanische Kirche mit ihren sehr reichen Liturgien ist.»

Von Freikirchen lernen könnte die Landeskirche, wie es sich in einer Minderheitensituation lebt. «Menschen aus Freikirchen haben gelernt, auch in dieser Situation fröhlich unterwegs zu sein als Christ und sich nicht irremachen zu lassen.»

Ein Bericht mit Fotos findet sich hier.

Wer in den Shownotes suchen will, findet sämtliche Shownotes auf einer Seite.

Kontakt mit den Hosts: aufwaerts-stolpern@ref-sh.ch

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