Aufwärts stolpern

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Der Podcast für die Kirchgemeinde mit Ambitionen

11-07: «Michael Russenberger, wieso wächst eure Kirche?»

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Seit 33 Jahren ist Michael Russenberger Chrischona-Pastor, seit 4 Jahren ist er in der Neuland-Kirche in Buchs (ZH). Er traf auf eine Gemeinde, die eine grosse Vision hatte, aber viele Probleme: Sein Vorgänger ging unter schwierigen Umständen, das grosse Bauvorhaben war seit Jahren blockiert.

«Mir hat die Herausforderung zugesagt», sagt Michael Russenberger im Podcast «Aufwärts stolpern» des Landeskirchen-Forums. Und dass die Gemeinde einen grossen Traum hat. «Eine Gemeinde, die gross denkt, das ist schon toll.» Er wechselte vom ländlichen Hallau im Kanton Schaffhausen in das vorstädtische Buchs, auch wenn die Gottesdienstbesuchs-Zahlen der neuen Gemeinde in den letzten Jahren nach unten gezeigt hatten.

Das habe viel mit dem alten Gebäude zu tun gehabt, sagt Russenberger. Man habe in früheren Jahren immer wieder angebaut, nun sei dieses Thema aber ausgereizt gewesen. «In den letzten 15 Jahren mussten die Leute zum Teil auf dem Fensterbank sitzen.»

Volle Kirchen bremsen das Wachstum

Es gibt laut Russenberger ein Prinzip: Der Gottesdienst-Raum sollte nur zu maximal drei Viertel gefüllt sein an einem normalen Sonntag, sonst denken die Leute, es sei zu voll und kommen nicht mehr. Genau das war passiert.

Die Gemeinde hatte ein Jahrzehnt über einen Neubau nachgedacht. Aber erst als die Erben einer Gärtnerei im Dorf das Land sehr günstig abgeben wollten, war der perfekte Platz gefunden: im Industriegebiet, aber nicht weit vom Dorf entfernt. «Plötzlich hat alles gepasst.»

In der alten Kirche hatten 100 Personen Platz, im neuen Gemeindezentrum haben im Gottesdienstraum 300 Menschen Platz. «Ist das. Grössenwahnsinn?», will Podcast-Co-Host Lukas Huber wissen. «Ich nenne es lieber Wasserlaufen», sagt Russenberger. Das Projekt sei unglaublich ambitioniert gewesen, sie hätten auch finanziell eigentlich keine Chance gehabt, «aber wir sind wie Petrus sind wir aus dem Boot gestiegen mit dem Glauben, dass das möglich wird.» Dabei gehörten keine reiche Leute zur Gemeinde. «Und wir sind als Freikirche zu 100 Prozent von Spenden abhängig.»

Mit Bistro und grossem Spielplatz

Das Gemeindezentrum besteht aber nicht nur aus dem Gottesdienst-Raum, sondern auch aus einem Block mit Wohnungen, die die Gemeinde verkaufen konnten, um das ganze Zentrum zu finanzieren. Im eigentlichen Kirchengebäude ist ein ganzer Stock bestimmt für das «Kinderland». Und das Parreterre wird optisch dominiert von dem Bistro, vor dem ein grosser Spielplatz eingerichtet ist. Das Bistro ist üblicherweise an drei Nachmittagen geöffnet und wird rege besucht. Das ist Absicht, sagt Russenberger: «So können die Leute die Gemeinde kennenlernen, ohne dass sie gleich in einen Gottesdienst kommen müssen.» Offenheit ist der Gemeinde wichtig: Die Türen zum Gebäude sind offen von 8 bis 20 Uhr.

Dieses Bistro wurde, darauf legten die Verantwortlichen Wert, professionell gestaltet und richtig schön eingerichtet – mit einem einheitlichen Farbkonzept. «Die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort können viel bewirken», sagt Russenberger dazu.

Der Neubau brachte allerdings neue und ziemlich profane Herausforderungen mit sich: Ein Putzdienst musste organisiert werden. Michael Russenbergers Frau hängte einen Zettel auf mit der Frage: Wer will Teil dieser Vision sein, den Menschen im Dorf zu dienen? Innert Tagen meldeten sich 30 Personen, die bereit waren zu putzen. «Vorher mussten sie immer mühsam Menschen dafür suchen.»

Wie sich der Neubau auf die Gemeinde ausgewirkt hat, will Podcast-Co-Host Anna Näf wissen. Der Neubau habe viel Energie freigesetzt, sagt Michael Russenberger. «Freunde hatten mich gewarnt, dass nach einem Neubau eine Erschöpfung einsetzen könne.» Nicht so in der Neuland-Kirche. «Aber es ist halt auch wahnsinnig schön, das Bistro und das ganze Gebäude. Man fühlt sich sofort wohl.»

«Eigentlich sollte jede Kirchgemeinde bauen»

«Eigentlich müsste jede Kirchgemeinde neu bauen, das löst viel aus», sagt darum Russenberger, um dann gleich einzuschränken: «Allerdings ist das sicher kein Automatismus.»

Das Bistro half dabei, das Image der Freikirche zu verändern. «Die Leute schätzen es, dass der Spielplatz öffentlich ist und die Bistropreise familienfreundlich sind.»

«Wir waren gespannt, ob wegen des Neubaus mehr Leute in den Gottesdienst kommen.» Auch das sei kein Automatismus, umso mehr hat sich die Gemeinde gefreut, als der Gottesdienst-Besuch anstieg. «Die meisten neuen Leute scheinen früher einmal in eine Kirche gegangen zu sein, aber jetzt schon lange nicht mehr», sagt Russenberger. Eine kleinere Gruppe aus dem Dorf sei vorher weit gefahren, um eine Kirche zu besuchen, in denen sie sich wohl fühlen. «Und jetzt sagen sie sich: Wenn es eine schöne Kirche in der Nähe gibt, gehen wir hier in den Gottesdienst.»

Herausforderung Integration

Dabei gibt es die Herausforderung, wie neue Menschen integriert werden können. «Es besteht immer die Gefahr, dass wir Menschen wieder verlieren, weil sie zu wenig Informationen bekommen oder nicht richtig aufgenommen werden», berichtet Russenberger. Dafür hat die Gemeinde ein vierteiliges Seminar entwickelt, in dem es unter anderem darum geht, was der Gemeinde wichtig ist. Dazu bietet die Gemeinde Alphalive-Glaubenskurse an.

Speziell die Willkommensanlässe leiten Michael Russenberger oder seine Co-Pastorin, er hat aber von Anfang an darauf Wert gelegt, dass andere Verantwortliche dabei sind, damit sie sehen, wie so etwas funktioniert und diese Anlässe später auch ohne die Angestellten durchführen können.

Gleichzeitig überlegt sich die Gemeinde, eine dritte Pastorenstelle auszuschreiben. Wieso denn das, fragt Anna Näf, wenn sie doch so viele unbezahlte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben. Es gebe zwei Gründe, eine Person anzustellen: Weil man (zum Beispiel theologische) Fachkompetenz brauche oder wenn man ein Projekt mit unbezahlten Mitarbeitern nicht stemmen kann.

Das Problem, das sich der Neuland-Kirche stellt, ist ein altes: Sie hat eigentlich kein Geld dazu. Erstaunt war Russenberger über das, was der Viva-Kirchen-Regionalleiter sagte: «Wenn ihr wirklich jemanden anstellen wollt, dann wartet nicht, bis ihr das Geld habt, sondern macht es abhängig von der Vision und von dem, was ihr braucht.»

Von Anna Näf gefragt, was denn die Landeskirche von Michael Russenbergers Erfahrungen lernen kann, sagt dieser, die Landeskirche könnte etwas mehr Mut brauchen: Sie solle «sich von Gott eine Vision schenken lassen, die grösser ist als das, was wir zurzeit leben.»

Wer in den Shownotes suchen will, findet sämtliche Shownotes auf einer Seite.

Kontakt mit den Hosts: aufwaerts-stolpern@ref-sh.ch

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Den Bericht über diese Episode findet sich hier.

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