11-06: «Matthias Fankhauser, wie wird Kirche anders?»
«Was ist Kirche?» Manchmal muss man sich die einfachen Fragen stellen, wenn man weiterkommen will. Der methodistische Pfarrer Matthias Fankhauser beschäftigt sich seit 20 Jahren speziell mit neuen Formen von Kirche. Jesus hat verheissen, sagt er, dass er dabei sei, wo zwei oder drei in seinem Namen zusammen kommen. Das heisst, die Kürzestdefinition von Kirche ist, dass es um Gemeinschaft mit Gott und Gemeinschaft mit Menschen geht. «Da steht kein Wort von einer bestimmten Form.» Doch in den folgenden Jahrhunderten sei das «Christentum» gekommen, in der die Kirche im Zentrum der Gesellschaft stand und den Menschen sagte, wie man zu leben habe. Doch heute leben wir in der postchristlichen Welt: Es gibt viele Stimmen, die sagen, wie man leben müsse.
Für die postchristliche Welt braucht es neue Formen von Spiritualität. Darum traten in der methodistischen Kirche neben die traditionellen Gemeinden auch die «Kirche anders». An verschiedenen Orten in der methodistischen Kirche entstanden Projekte, getragen von Freiwilligen. Um der Gesamtkirche zu zeigen, dass diese Projekte auch Kirche sind, wurden sie 2019 in der Kirchgemeinde «Kirche anders» zusammengefasst; Matthias Fankhauser leitet den Bereich Gemeindeenwicklung und begleitet Projekte.
Beispiele für «Kirche anders sind die Projektwerkstatt Frauenfeld, das Lausanner Village Mosaïque oder das Netzkloster, das von methodistischer und reformierter Kirche gemeinsam getragen wird (das Gespräch mit «Netzabt» Simon Weinreich kann man sich hier anhören).
40 Prozent der Projekte etablieren sich
MaFa, wie Matthias Fankhauser auch genannt wird, stellt im Podcast «Aufwärts stolpern» erfreut fest, dass sich 40 Prozent der Projekte langfristig halten können. Das ist mehr als zu erwarten gewesen wäre. Allerdings: «Wir mussten auch manchen Projekten den Stecker ziehen.» Eine der Ideen war eine Kletterkirche: eine Boulderwand in der Kirche. Aber das Projekt liess sich nicht langfristig selber finanzieren und das Team wuchs nicht auf eine nachhaltige Grösse.
Die methodistische Kirche musste wie andere Kirchen, die sich Innovationen auf die Fahnen geschrieben haben dazulernen: «Wir gingen ursprünglich davon aus, dass ein Projekt in drei bis fünf Jahren selbsttragend sein muss.» Unterdessen weiss man: «Es geht mindestens sechs Jahren oder sogar zwölf Jahre, bis ein Projekt so weit gefestigt ist, dass es langfristig bestehen kann.»
In den Projekten gibt es spezielle Herausforderungen: «Die Menschen, die man in ‹Kirche anders› erreicht, sind es nicht gewohnt, zu spenden, wie das ein Methodist als Freikirchler gewohnt ist.» Eine Lernerfahrung ist auch: «Es entsteht tatsächlich Kirche, aber neu.» Darum gilt die Regel: «Man muss Kirche verlernen.» Es funktioniert nicht so wie in einer traditionellen Kirchgemeinde.
«Kirche anders» hat spezifische Merkmale: Jedes Projekt ist kontextuell. Es bewegt sich in einem ganz spezifischen Umfeld, wobei das Thema das Entscheidende ist, nicht der Ort wie in einer traditionellen Kirchgemeinde. Ein Projekt wird nie gemacht für die Menschen, sondern mit den Menschen und entwickelt sich immer im Team.
Projekte bieten alle Kasualien an
Podcast-Co-Host Anna Näf fragt, wie es mit Taufen, Hochzeiten und Abdankungen steht: Sind die traditionellen Kirchgemeinden dafür verantwortlich? Nein, sagt Fankhauser, alle Kasualien finden in «Kirche anders» statt. «Das ist ja die einzige Form, die die Leute kennen. Dann sagen Sie: Du bist mein Pfarrer, würdest du uns trauen?»
Auch in der methodistischen Kirche gibt es die Spannung zwischen Innovation und Tradition. Kirchgemeinden haben Angst, dass ihnen das Geld weggenommen wird oder die Leute. Es habe sich gebessert, sagt Fankhauser, als klar wurde: Das Alte soll weiter bestehen, nicht zuletzt weil das Neue nur aus dem Alten finanziert werden kann. Dabei gilt die Abmachung: Das Neue erklärt das Alte nicht für überholt. Und es braucht gute Verbindungen zwischen dem Bestehenden und dem Neuen, damit es keine Spannungen gibt.
«Kirche anders» findet einen Zugang zum Zielpublikum: Man erreicht zu 90 Prozent Menschen, die nichts wissen vom Evangelium oder sich vom Glauben abgewendet haben. Da gilt: Dazugehören kommt vor dem (wieder) Glauben. Interessant: «Wenn man mit Menschen unterwegs ist, die nichts mit Kirche zu tun haben, wird Spiritualität plötzlich zu einem Zentrum.»
Zu Beginn ist die Struktur irrelevant
Matthias Fankhauser ist zu 40 Prozent angestellt für das Coaching von Projekten. Mit gutem Grund, wie er sagt: «Begleitung und Coaching sind sind zentral.» Etwas anderes ist dagegen nicht wichtig: «Die Struktur ist zu Beginn irrelevant.» Die Struktur muss der Funktion folgen und kann darum erst mit der Zeit geschaffen werden.
Die Kirchen sind seit längerem unter grossem Innovationsdruck. Das kann die Verantwortlichen überwältigen. Da hilft laut Fankhauser der Gedanke der «Missio dei». Kirche und deren Zukunft ist Gottes Mission, nicht unsere. In «Kirche anders» halten sie sich darum an die Bitte aus dem Unser Vater: «Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.» Das befreit und gibt Sicherheit.
Co-Host Lukas Huber fragt Matthias Fankhauser, wo Kirchen stehen in 20 Jahren. «Ich weiss es nicht, aber ich habe einen Wunsch: dass der Glaube so integriert ist in den Alltag, dass man gar nicht mehr von Kirche reden muss.» Die Gemeinschaften, in denen Christenmenschen unterwegs sind, müssten nämlich gar nicht unbedingt das Label «Kirche» haben. «Ob sie noch ein Gebäude mit Glockenturm haben, spielt dann gar keine Rolle mehr.»
Zum Abschluss gefragt, was die Landeskirche von der methodistischen Freikirche lernen kann, sagt Fankhauser: den Mut haben, auf die Nase zu fallen und wieder aufzustehen. «Einmal mehr aufstehen als umfallen bringt Erfolg.»
Wer in den Shownotes suchen will, findet sämtliche Shownotes auf einer Seite.
Kontakt mit den Hosts: aufwaerts-stolpern@ref-sh.ch
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