Aufwärts stolpern

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Der Podcast für die Kirchgemeinde mit Ambitionen

11-04: «David Reusser, was bringt das Praisecamp?»

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David Reusser verspürt gegenüber Grossevents eine Art Hassliebe, erzählt der Co-Hauptleiter des grössten Jugendfestivals der Schweiz in dieser Episode. Er sagt: «Am liebsten würde ich in einer Welt leben, in der Grossevents gar nicht nötig wären.» In einer perfekten Welt würden die Jungen Gott im Alltag begegnen: in ihrer persönlichen «stillen Zeit» oder in ihrer Kirche. «Gleichzeitig zeigt die Erfahrung: Grossevents sind für viele Menschen Meilensteine – so war es übrigens auch in meinem Leben.»

Reusser leitet zwar mit zwei anderen Personen zusammen das Praisecamp, ist aber nicht angestellt. Sein Geld verdient er als Jugendpastor in Lyss. Das Leben zwischen zwei Welten birgt Spannungen: «Manchmal ist es auch ein bisschen frustrierend: Am Praisecamp erzählt jemand vorne auf der grossen Bühne die gleiche Botschaft, die ich als Jugendpastor das ganze Jahr erzähle – aber erst jetzt begreifen sie es.»

Die Dynamik von Grossveranstaltungen nicht unterschätzen

An was das liege, fragt Co-Host Lukas Huber. Es habe wohl etwas mit der Dynamik solcher Grossanlässe zu tun, sagt Reusser. «Die Jungen sehen plötzlich: Es sind nicht nur zehn Leute, die das interessant finden, sondern 5000 Menschen.» Zudem kämen viele Junge mit einer grösseren Erwartungshaltung an eine Grossveranstaltung wie das Praisecamp.

Zudem motivierten sich die Jugendlichen dann gegenseitig, zum Beispiel intensiv in Bibel zu lesen. Wie die Organisatorinnen und Organisatoren des Praisecamps mit der grossen Verantwortung klar kommen, die auf ihnen lastet, will Podcast-Co-Host Anna Näf wissen. Reusser: «Wir müssen sehr aufpassen, dass wir sie nicht manipulieren oder Druck ausüben. Das wäre sehr gefährlich.» Allerdings müsse man ihnen auch emotional etwas bieten, die Jungen suchten durchaus den Kick. Da den Mittelweg zu finden, sei nicht immer einfach. «Aber wir haben ein grosses Team von ausgebildeten Menschen, die für Gespräche bereitstehen.»

Neben dem dreiköpfigen Hauptleitungsteam arbeitet ein Kernteam von zehn Personen mit sowie 50 bis 100 Menschen, die eine grossen Verantwortungsbereich abdecken. Dazu kommen Hunderte von weiteren Engagierten. Eine Anstellung haben neben dem Backoffice nur ganz wenige Menschen, alle anderen arbeiten gratis.

Leute ausbilden statt Profis anstellen

Das ist Absicht, sagt Reusser: «Man sollte als Grossveranstaltung die Vision haben, Menschen auszubilden.» Wenn man die Technik zum Beispiel einfach einkauft, bekommt man eine professionelle Gegenleistung, gleichzeitig vergibt man sich die Chance, Menschen auszubilden. «Darum arbeiten wir vor allem mit Freiwilligen.» Natürlich gebe es Aufgaben, die man nur Profis anvertrauen kann, aber wo immer es möglich ist, sollen junge Menschen sich engagieren und von denen lernen, die die Aufgabe in den letzten Jahren erfüllt haben.

Die Maxime lautet: «Wenn möglich arbeiten wir immer mit Menschen aus lokalen Gemeinden zusammen.» Das Wissen nehmen die am Praisecamp Ausgebildeten nämlich mit – und wenden es dann in ihrer Freikirche oder landeskirchlichen Gemeinde an.

Interessant: In den wichtigsten Posten gibt es nur sehr wenig Fluktuation. Reusser begründet das mit der Begeisterung und der gemeinsamen Vision. «Das Team und die Kultur sind viel wichtiger als jedes Eventmanagement-Konzept und alle Excel-Tabellen.»

An der Kultur und der Ausrichtung arbeitet das Team seit über 20 Jahren. «Wir entwickeln das weiter, was unsere Vorgänger aufgebaut haben.»

Von Anfang an waren junge Menschen das Zielpublikum des Praisecamps. David Reusser sagt, es lohne sich, in Junge zu investieren. «Das war ja auch bei mir so. Wenn andere Leute mir nicht Sachen zugetraut hätten, würde ich heute nicht dastehen, wo ich bin.»

Kirche mit nur einem Gottesdienst im Monat

Den Hauptteil seiner Zeit verbringt der 25-jährige David Reusser in der Jugendarbeit der Bewegung Connect Lyss, einer Freikirche mit einem speziellen Konzept.

Connect besteht aus 30 Kleingruppen mit vielleicht 400 Personen, die nur einmal im Monat zu einem grossen Gottesdienst zusammenkommen. Die Kleingruppen sind also quasi die Kirche, der monatliche Gottesdienst die «Grossveranstaltung». Der Nachteil dieses Konzepts: Man sieht sich als Ganzes selten; so ist es zum Beispiel schwieriger, eine Kirche zu steuern und zusammenzuhalten. «Und gleichzeitig ist es toll, dass wir 30 kleine Kirchen haben, die gemeinsam unterwegs sind und individuell Gott suchen.» Jede dieser kleinen «Kirchen» entscheiden selber, was ihr Fokus ist. Umgekehrt hängt es dann auch von wenigen Menschen ab, ob man dieses Kirchenmodell als gut erlebt.

Weil sich die Kleingruppen zu Connect zugehörig fühlen, ist die Gesamtorganisation auch fähig, eine dynamische Jugendarbeit aufzubauen – etwas, das im klassischen Hauskirchen-Modell oft nicht funktioniert hat und dazu geführt hat, dass sich junge Menschen irgendwann von der Kirche entfremdet haben.

Die «Südkurve»

Zur Kirche gehört auch ein eigenes Sozialwerk, die «Südkurve», das unter anderem eine Essensausgabe und eine Schuldenberatung anbietet. Die Bereiche sind strukturell voneinander getrennt, der soziale Teil ist aber kirchlich motiviert: Jesus habe sich auch immer den Schwachen zugewandt, sagt Reusser. Dabei arbeiteten in der Schuldenberatung Fachleute, bei der Essensausgabe könnten sich auch Freiwillige betätigen. «Das ist genauso Gott dienen wie sich in der Kirche engagieren.»

Gegen Schluss der Episode berichtet David Reusser vom Bless Seeland, einem Jugendgottesdienst-Projekt, das immer mehr Nachahmer in der ganzen Schweiz findet.

Im Nachgespräch zum Interview mit David Reusser tauschen sich die Hosts Anna Näf und Lukas Huber darüber aus, was die Kirchgemeinde mit Ambitionen – und die Landeskirche überhaupt – aus diesem Gespräch lernen können. Es ist nicht wenig.

Wer in den Shownotes suchen will, findet sämtliche Shownotes auf einer Seite.

Kontakt mit den Hosts: aufwaerts-stolpern@ref-sh.ch

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