11-03: «Anna Sommer, ist Konkurrenz unter Kirchen ein Problem?»
Anna Sommer ist Jugendpastorin der «Chile Grüze», einer Freikirche in Winterthur, die zum Viva-Verband gehört. Sie ist umgeben von grösseren Freikirchen mit mehr Ressourcen und Möglichkeiten und einer dynamischen reformierten Kirchgemeinde. In Episode 11-03 des Podcasts «Aufwärts stolpern» schildert sie, wie sie gelernt hat, andere nicht als Konkurrenz zu sehen.
«Mit den grossen Freikirchen können wir nicht mithalten», stellt die Jugendpastorin nüchtern fest. Der Chile Grüze mit ihren ungefähr 70 Gottesdienst-Besuchern fehlen die Ressourcen, über die andere verfügen.
Aus einem Nachteil wird eine Stärke
Die Gemeinde hat aber aus ihren natürlichen Nachteilen eine Stärke gemacht: «Wir setzen auf das echte, persönliche Miteinander», sagt Sommer. Sie könnten keine keine grossen, professionelle Events bieten, dafür bekommen die Jugendlichen auf Anmeldung die Schlüssel zum Jugendraum und können ihn ohne Aufsicht benutzen. «Das könnte man nicht, wenn die Gruppe viel grösser wäre.»
Die Chile Grüze setzt dabei voll auf Beziehungen, zum Beispiel mit dem Konzept Kleingruppen Plus, der aus einer gemeinsamen Lobpreis-Zeit besteht, dann einer Stunde in den einzelnen Kleingruppen und einem gemeinsamen Ausklang. «Das funktioniert erstaunlich gut.» Dabei sei die Band nicht so professionell und eingespielt wie bei ICF, dafür können die Bandmitglieder Dinge ausprobieren. «Und sie lernen sehr viel», stellt Sommer fest.
Auch «ihre» Jugendlichen gehen gerne an Grossanlässe. Die Chile Grüze klinkt sich darum ein bei den Jugendgottesdiensten, die es schon gibt. Im Quartier lebe man sehr dicht aufeinander, darum sei die Ökumene mit katholischer und reformierter Kirchgemeinde unabdingbar. Die Chile Grüze versteht sich als «einen Wegweiser, der zur Lebensquelle Jesus Christus führt».
Sommer ermutigt die Jugendlichen, wenn sie in einen grossen Jugendgottesdienst gehen wollen. Das aus einer einfachen Einsicht: «Wir können sie nicht behalten, indem wir das Gleiche zu bieten versuchen.» Was sie tun können, ist im kleinen Rahmen gute persönliche Beziehungen bieten. «Wenn das nicht reicht, dass sie bleiben, finden sie sicher an einem anderen Ort Anschluss.»
Gelernt hat Anna Sommer von ihrer Kindheit in einer kleinen Freikirche auf dem Land, die die Landeskirche im Dorf ablehnte. Aber Jugendliche wollen beides: «Sie gehen in den grossen Jugendgottesdienst der reformieren Kirchgemeinde oder zu ICF Zürich und verstehen sich trotzdem als Teil der Chile Grüze.»
Kirchgemeinde als Familie
Das Familiäre zeichnet die Chile Grüze aus. Dabei hat Anna Sommer ambivalente Gefühlen, wenn die Gemeinde als Familie bezeichnet wird. «Auf der einen Seite hat es etwas Enges, auf der anderen Seite drückt der Begriff aus, dass man sich nicht alle Menschen auswählt, die auch zu dieser Familie gehören.»
Sommer spricht ein für Freikirchen typisches Phänomen an: Wer nur in den Gottesdienst kommen will, ohne beziehungsmässig Anschluss zu suchen, wird es schwer haben, als Teil der Gemeinde gesehen zu werden. Die Regel ist aber, speziell bei frisch Zugezogenen: «Menschen, die neu zur Chile Grüze kommen, suchen eine geistliche Heimat.»
Um den Menschen den Einstieg in die Gemeinde zu erleichtern, gibt es einen Welcome-Dienst; dessen Mitarbeiter laden neue Leute zum Kaffee ein. Und es gibt viele Spezialgottesdienste, in denen man Beziehungen knüpfen kann.
Neue Menschen stossen dazu, weil sie von bestehenden Mitgliedern eingeladen werden. Neue Jugendliche kommen zum ersten Mal, weil sie von Freunden mitgebracht werden.
Wenn Anna Sommer an die Zukunft ihrer Gemeinde denkt, sieht sie Herausforderungen, gerade in finanzieller Hinsicht; Freikirchen leben einzig von Spenden. Die älteren Mitglieder seien damit aufgewachsen, dass es zur Mitgliedschaft in einer Freikirche gehört, zehn Prozent des Einkommens der Kirche zu spenden. Viele haben bei ihrer Bank einen Dauerauftrag eingerichtet. «Das wird wohl für einige Freikirchen eine Herausforderung, weil die Leute in meinem Alter nicht mehr einfach so einen bedeutenden Teil des Einkommens spenden», sagt die 24-jährige Anna Sommer.
Angestellt sein ist für sie manchmal eine Herausforderung in einer Freikirche, die in einem grossen Mass vom Engagement der Mitglieder lebt: «Was ich mache, könnten auch andere übernehmen.» Natürlich sei sie besser ausgebildet – Anna Sommer studiert neben ihrer Anstellung am Theologischen Seminar St. Chrischona – aber vieles sei einfach Beziehungsarbeit: mit Menschen reden, sich Zeit nehmen. «Andere wissen, dass ich dafür bezahlt werde, und sie machen es in ihrer Freizeit, das ist ein Spannungsfeld.»
Die beiden Podcast-Hosts Anna Näf und Lukas zeigten sich im Nachgespräch beeindruckt davon, dass die Chile Grüze ihren Frieden damit geschlossen hat, dass sie klein ist – und gleichzeitig ihre Nische gefunden hat, in der sie ihre ganz eigene Stärke ausspielen kann.
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