09-06: «Simon Obrist, was denkt der Beizer über die Kirche?»
Simon Obrist tanzt auf vielen Hochzeiten: Er hat als Sozialdiakon die Streetchurch mitaufgebaut, er arbeitete als Jugendarbeiter, heute ist er Geschäftsführer der Cafébar «Zum Hinteren Hecht» in Winterthur. Er sagt von sich: «Irgendwie zieht es mich immer an die Orte hin, wo ich ein Potential erkenne, was man tun könnte.» An der Gastronomie interessant sei das Gastgeber-Sein: die Kombination, an einem öffentlichen Ort Menschen zu begegnen, die er noch nicht kennt und andere Menschen immer wieder zu sehen, sie zu Stammgästen werden zu lassen.
2018 trat er die Stelle als Jugendarbeiter für junge Erwachsene in Winterthur Seen an. Bereits am ersten Tag seiner Anstellung fand ein Visionstag an, inklusive der Frage, was er denn vorhabe. «Das war für mich ein sehr steiler Einstieg, aber auch sehr gut», sagt er im Podcast «Aufwärts stolpern». Während dieses Visionstags habe es auch eine Sequenz gegeben, in der er mit den Freiwilligen des Bereichs Junge Erwachsene zusammensass, vor allem 18- bis 23-Jährige. Er sagte ihnen, dass er eine Cafébar aufbauen wollte. «Sie waren begeistert.» Als er dann auch herausfand, dass sie gewohnt waren, anzupacken, und gut vernetzt waren in Winterthur, ging es los. Sie überlegten zu sechst, wie das Konzept einer solchen Cafébar aussehen müsste, damit es funktioniert.
Der moderne Dorfplatz
Das Stichwort Einsamkeit sei ein wichtiger Treiber der Überlegungen gewesen, in der Coronazeit, aber auch generell. Das Leitbild war der Dorfplatz von früher, wo man sich nicht zu einer Mitgliedschaft verpflichten oder zu einer bestimmten Zeit auftauchen musste, sondern wo man einfach Teil einer Gemeinschaft war, wenn man erschien. «Wir wollten eine offene Gastfreundschaftskultur pflegen.» Darum gab es von Anfang an und bis heute keinen Konsumationszwang. Dafür kann man einem anderen künftigen Gast einen Kaffee spendieren, worauf eine alte italienische Lire-Münze in eine Kaffeetasse gelegt wird, mit der ein Gast ohne Geld einen Kaffee bezahlen kann.
Gastfreundschaft sollte nicht nur ein Wort sein: «Wir haben immer gesagt: Man soll alleine hereinkommen und mit Freunden hinausgehen.»
Allerdings wurde das Projekt auch mit den wirtschaftlichen Realitäten konfrontiert, was dazu führte, dass sich das Projekt von der Kirche löste und zu einem Verein wurde. Und neun Monate später kam Corona.
Pläne schmieden an Tisch 1
Trotzdem hat sich der «Hecht» gehalten. Und seit November 2024 gibt es «Tisch 1»: freitags zwischen neun und elf Uhr sitzen Simon Obrist und eine Kollegin an Tisch 1, um Kaffee zu trinken und Pläne zu schmieden, erzählt der Hecht-Geschäftsführer.
«Der Aufbau einer Gemeinschaft ist auch das Geschäft der Kirchgemeinde. Wie gelingt das?», will Aufwärts-stolpern-Co-Host Anna Näf von Simon Obrist wissen. «Am einfachsten ist es, wenn man schon eine Basis von ein paar Freunden hat und dort gute Idee bringt.» Zentral sei auch, dass von Anfang an klar ist, dass es nur geht, wenn alle gemeinsam anpacken.
Ein Paradebeispiel dafür sei der Cevi, sagt Obrist: Der Aufwand ist enorm, um Kindern jeden Samstagnachmittag ein attraktives Programm anzubieten. Das funktioniere nur, weil die Leiterinnen und Leiter selber erlebt haben, wie toll es war, als sie Kind waren, und weil sie es als Team gut zusammen haben.
Was hat die Beiz mit Kirche zu tun?
Co-Host Lukas Huber stellt die Frage, die Simon Obrist schon oft gehört hat: «Was hat der ‹Hecht› mit Kirche zu tun?» Antwort: «Nichts. Und alles.» Der «Hecht» ist heute strukturell nicht mit der Kirche verhängt, trotzdem sei die Idee dazu in der Kirchgemeinde entstanden. «Geblieben ist, dass es nicht um Gastwirtschaft geht, sondern um Gastfreundschaft. Was wir machen, hat viel mit einem guten Zusammenleben zu tun.» Eine Reich-Gottes-Perspektive ins Spiel zu bringen sei wichtiger als etwas «kirchlich» zu nennen.
Simon Obrist plädiert dafür, die Kategorien von aussen und innen aufzugeben. «Mit mir kann man über alles reden.»
Da stellt sich die Frage: Sollte jede Kirchgemeinde eine Cafébar betreiben? Simon Obrist erinnert an die Entwicklung vor 100 Jahren, als überall Kirchgemeinde-Häuser gebaut wurden. Nun habe man überall überdimensionierte Kirchgemeinde-Häuser mit grossen Foyers. «Aber dort erwartet einen niemand.»
Wenn man davon ausgehe, dass heute die Leute nach schön gestalteten Räumen fragen, die mit Menschen gefüllt sind, stelle sich die Frage, ob Cafébars die Nachfolger der Kirchgemeinde-Häuser seien. «Ob sich das allerdings im Kirchgemeinde-Haus umsetzen lässt, und ob das Kirchgemeinde-Haus am richtigen Ort liegt, müsste man überlegen.»
Professionell oder gar nicht
Wenn eine Kirchgemeinde entscheidet, sich in die Gastronomie zu investieren, sagt Obrist, sollte sie das professionell machen – nicht mit einer Kapsel-Kaffeemaschine, Chips und «Biberli». Und die Cafébar müsse an einem zentralen und attraktiven Ort situiert sein. Dazu müsse sichergestellt werden, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine gastfreundliche Haltung haben.
Zum Schluss der Podcast-Episode gefragt, was ihm Hoffnung für die Kirche gebe, sagt Simon Obrist: «Meine persönlichen Erlebnisse mit den Worten der Bibel. Sie haben unglaubliche Kraft. Sie kommen von aussen und machen etwas mit einem Menschen.»
Die Website der Cafébar «Zum Hinteren Hecht».
Wer in den Shownotes suchen will, findet sämtliche Shownotes auf einer Seite.
Kontakt mit den Hosts: aufwaerts-stolpern@ref-sh.ch
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